Oman ist ein Land, dessen Geschichte sich nicht über Brüche definiert, sondern über die jahrhundertlange Kontinuität des Handels, der Seefahrt und einer stillen Offenheit gegenüber der Welt. Arabische und islamische Werte treffen auf moderne Gedanken und spinnen ein einzigartiges Netz aus Moderne und Tradition, die sich auch im Selbstverständnis des heutigen Sultans Haitham bin Tariq zeigt. Dieser hat den historischen Faden seines großen Vorgängers Sultan Qabus ibn Said aufgenommen und führt diesen konsequent fort, indem er Bewahrung und Veränderung als Teil desselben Prozesses versteht.
Um 2h morgens landet mein Flieger in Muskat und schlaftrunken lasse ich mich von einem Taxi durch die leere und stille City ins Hotel fahren. Die ersten Eindrücke sind verwirrend. Organisch gestaltete Gebäude einer modernen, orientalischen Großstadt, leuchtende Moscheen aus einer vergangenen Zeit, Fahrer mit Flip-Flops und traditionellen Dishdasha. Und doch passt es hier alles zusammen. In den nächsten Tage in Muskat verdichten sich meine Eindrücke, weil Moderne und Geschichte nicht konkurrieren, sondern nebeneinander bestehen, sichtbar in der Architektur, spürbar im Rhythmus des Alltags und in einer Form von Gastfreundschaft, die nicht auf Aufmerksamkeit zielt, sondern auf offenes Interesse.
Nach drei Tagen verlasse ich die Hauptstadt und bewege mich ins Inland in Richtung Nizwa. Mit zunehmender Distanz zur Stadt wird deutlich, wie stark das Leben hier an seine Umgebung gekoppelt ist, wie selbstverständlich mit beschränkten Ressourcen umgegangen wird. Schnell entsteht das Gefühl, dass die Menschen mit Bestehendem handeln und dabei mit ihrer, aus unserer Perspektive kleinen Welt, zufrieden sind. Die Konzentration auf das Wesentliche lässt dabei großartige Dingen entstehe, wie die Damaszener-Rosen auf den Terrassen des Jebel Al Akhdar oder der sakrale Weihrauch in den Gegenden des Dhofar-Gebirges. Vieles muss hier nicht hinterfragt oder neu inszeniert werden, da es Routinen sind, die sich seit langer langer Zeit bewährt haben, sei es in den familären Strukturen, den Handelsritualen der Souks oder der natürlichen Abhängigkeiten von Wasser, welches durch die antiken Aflaj-Bewässerungssysteme verteilt wird.
Die Reise geht weiter über die Wüstenregion von Wahiba Sands, hin nach Sur und zwischen dem Gebirge, der Wüste und der Küste verändert sich die Landschaft permanent. Der grundlegende Eindruck jedoch ist gleichbleibend, als würde alles einem inneren Maße folgen, welches nicht beschleunigt werden muss, und genau darin verschiebt sich auch mein eigener Blick. Weg von der inneren Unzufrieden und Ruhelosigkeit, hin zum leisen und selbstverständlichen Wahrnehmen.
Seit langem habe ich auf dieser Reise wieder erleben dürfen, wie Leere gefühlt werden kann und wie durch die Form der leisen Beobachtung diese Leere mit neuem Inhalt gefüllt wird. Der Oman provoziert oder überwältigt nicht, sondern öffnet den Raum für neue Perspektiven, ohne diese zu benennen oder bewerten zu müssen.
Was bleibt, ist keine laute Erinnerung, sondern eine stille Klarheit eines Landes, das sich modern und offen der Welt präsentiert und dabei sehr viel Wert auf die Beibehaltung der arabisch, islamischen Identität legt. Perspektiven entstehen manchmal genau dort, wo man aufhört, sie erzwingen zu wollen.
Leer
>>> Rosen im Oman
Leer